Natalja Trofimova in „Severnyj rabotschij“, Severodvinsk, 19. April 2008:
(Der nördliche Arbeiter, gesellschaftlich-politische Zeitung)
aus dem Russischen: Dr. Susanne Rieckhof

Den Menschen gewinnen


In unserer Region wird ein einzigartiges Projekt zur Straffälligenhilfe durchgeführt
In jedem von uns steckt ein großer Mensch. Manchmal ist es schwierig, ihn zu gewinnen,
manchmal ist es unmöglich, aber man muss es immer wieder versuchen.
(Schriftsteller Oleg
Kuvaev)
Die 16-jährige Vera* reizte einfach alles: Sowohl die ewig müde Mutter, die gezwungen war, an
zwei Arbeitsstellen zu schuften, als auch die jüngere Schwester, die immer „genervt“ hat als auch
das enge Zimmerchen in einem Wohnheim am Rande von Archangelsk. Das Lernen an der
Abendschule fiel ihr schwer, und insgesamt sah sie keinerlei Sinn im Lernen. Einmal, als Vera
nach Hause kam, erblickte sie auf dem Boden verstreute Bonbonpapiere und Verpackungen. Die
Lebensmittel, die ihre Mutter für einige Tage eingeteilt und – wie sie hoffte – an einem sicheren Ort
versteckt hatte, waren aufgegessen. Es war klar, von wem. Als die Schwester anfing zu schimpfen
und es abzuleugnen, packte Vera – vor Wut kochend – das auf dem Tisch liegende Messer und
stach es in den Rücken der flüchtenden Schwester. Weiter erinnert sie sich an gar nichts.
... Die Sozialarbeiterin Elena Petrovna* stellte ihr Fragen, die Vera nie zuvor jemand gestellt hatte,
deshalb bereiteten die Antworten ihr große Schwierigkeiten. „Wovon träumst Du?“, „Magst Du es,
wenn Du gelobt wirst?“, „Kommt es vor, dass Du Dich einsam fühlst?“. Die psychologische
Diagnostik zeigte, dass das Mädchen versucht, Konflikten aus dem Weg zu gehen und
Anerkennung der sie Umgebenden zu erheischen, dass sie sich nach warmen vertrauenswürdigen
Beziehungen sehnt. Elena Petrovna führte auch Gespräche mit der Mutter, deren Aufmerksamkeit
dem Mädchen nie genügte, und mit der Schwester, die lange Zeit im Krankenhaus verbrachte.
Sie half Vera, die neue Realität zu akzeptieren, in der es nötig war, sich mit so schrecklichen
Worten wie „strafrechtliche Verantwortlichkeit“, „Verhör“ und „Urteil“ auseinander zu setzen. Die
Sozialarbeiterin schickte ihre Einschätzung zum Gericht, in der von den Besonderheiten der
Persönlichkeit der Angeklagten die Rede ist und dass es nicht erforderlich ist, sie – unabhängig
von der Schwere der Tat – von der Gesellschaft zu isolieren. Das Urteil: 2 Jahre Freiheitsstrafe auf
Bewährung.
Aber das Wichtige für das Mädchen ist das Ergebnis: Dank der Hilfe der Pädagogin gelang es ihr,
eine gemeinsame Sprache mit der Schwester zu finden, eine Heilbehandlung am Zentrum für
psychologische Gesundheit und Alkoholprophylaxe zu absolvieren; sie plant, die Schule
fortzusetzen. Und auf die Frage nach ihrem Traum kann Vera jetzt eine klare Antwort geben: nach
Löschung der Vorstrafe ein neues Leben beginnen und alsbald das Geschehene vergessen.
Eben die Verbesserung der Lebenssituation von Jugendlichen ist eine der Hauptziele der Methode
„Case Management“, die in diesem Fall angewandt wurde.
Dies stellt die ununterbrochene Begleitung des straffälligen Jugendlichen vom Moment der
Einleitung des Strafverfahrens und der Verhandlung der Strafsache bei Gericht bis hin zur Zeit der
Strafverbüßung und danach dar. Die Einführung dieser Methode in Archangelsk wurde dank des
Projektes „Entwicklung der Infrastruktur für Soziale Dienste der Straffälligenhilfe in der Region
Archangelsk, Russland“ möglich. Es wurde realisiert vom Schleswig-Holsteinischen Verband für
Soziale Strafrechtspflege, Straffälligen- und Opferhilfe und der gemeinnützigen Archangelsker
Organisation „Rassvet“ und finanziert von der EU im Rahmen des IBPP TACIS.
Die Region Archangelsk gehört im Bezug auf die Jugendkriminalität zu den ersten zehn Regionen
des Landes. Jede siebte Straftat in der Region wird von unter 18-Jährigen begangen. Gleichzeitig
steigt die Zahl derer, die wiederholt Straftaten begehen. Natürlich kennen unsere Fachleute diese
Probleme, aber sie wussten nicht, wie man sie beheben kann. Und hier half die Erfahrung der
Kollegen aus Deutschland, wo die Arbeit mit Straffälligen gute Ergebnisse zeigt.
Zum Beispiel beträgt die Gefangenenzahl auf 100.000 der Bevölkerung in Russland 690, in
Schleswig-Holstein ungefähr 60. Während der zwei Jahre der Projektlaufzeit (2005-2007) wurden
Seminare und workshops in Archangelsk und Kiel durchgeführt, an denen Vertreter der
Regionalverwaltung für Sozialpolitik, von Abteilungen des UFSIN, des UVD und der
Staatsanwaltschaft der Region Archangelsk, des Gebietsgerichts, der Kommissionen für die
Angelegenheiten Minderjähriger und für Menschenrechtsangelegenheiten, der juristischen Fakultät
und der Fakultät für Sozialarbeit der Staatlichen Pomorenuniversität und von gemeinnützigen
Organisationen teilnahmen. Eines der wesentlichen Ergebnisse des Projektes ist die Gründung
eines Netzwerkes zur Straffälligenhilfe, das aus 15 Organen und Einrichtungen besteht. 26
Fachleute und Führungskräfte, die auf dem Gebiet der Straffälligenhilfe tätig sind, absolvierten
einen Fortbildungskurs zum Sozialmanagement mit Hilfe von bis dato in Archangelsk nicht
angewandten Methodiken. Die deutschen Partner betonten mehrfach, dass wenn das
Strafvollzugssystem früher noch als geschlossene Struktur erschien, wird nunmehr eine
Bewusstseinsveränderung der Projektteilnehmer beobachtet. Und von Seiten der Politiker besteht
ein erhöhtes Interesse an einer Umorientierung nach internationalen Standards. Erstmals haben
Abgeordnete der Regionalversammlung Probleme der Strafvollzugseinrichtungen angesprochen,
obwohl sie das zuvor für eine Angelegenheit der föderalen Organe hielten.
Letztlich sind die zu Erziehenden „unsere“ Kinder, mit denen wir leben müssen nach ihrer
Entlassung. Deshalb wird noch eine Richtung des Projekts für wichtig erachtet: die Erstellung
eines Konzepts für ein Rehabilitationszentrum für Haftentlassene.
... Russland hat eine sehr reiche Geschichte der Bestrafung: Autoritäre Systeme haben ihre
Spuren in einem gut entwickelten System der Unterdrückung von Straffälligen hinterlassen. Nach
Meinung der Mehrheit ist der Verbrecher ein Ausgestoßener, den man isolieren, umerziehen und
von der Machtposition behandeln muss. Die Demokratisierungsprozesse unserer Gesellschaft
setzen die Aufnahme der Rechtsbrecher als gleichberechtigte und eine Zusammenarbeit mit ihnen
auf Vertrauensbasis voraus. Dank der finanziellen Unterstützung des Programmes TACIS und dem
Erfahrungsaustausch mit den deutschen Fachkräften wurde eine völlig andere Einstellung zur
Arbeit mit Rechtsbrechern möglich, die nicht auf deren Strafe, sondern auf die professionell
organisierte Hilfe und Unterstützung fokussiert.
Die fortschrittliche Erfahrung dieses Netzwerkprojekts ist einmalig für Russland und kann auch in
anderen Regionen des Landes angewandt werden. Schließlich hat jeder Mensch, selbst wenn er
er strafbare Handlung begangen hat, ein Recht, sich zum Besseren zu ändern.


*Namen der Beteiligten sind geändert